Society for Intercultural Education, Training and Research

Aus dem Leben: Bratwurst mit Honig

Published Freitag, April 21, 2017 - 11:34
Last updated Dienstag, Mai 9, 2017 - 22:50

Gebirgsblütenhonig. Wabenecht, goldfarben und cremig. Ein absolutes Muss für jeden gelungenen Grillabend. Grillabend? In der Tat, wir reden hier nicht vom Frühstück, sondern von einer zünftigen Grillerei mit Nackensteaks, Rostbratwurst, Kartoffelsalat und allem, was sonst noch dazugehört.

Aber der Reihe nach: Es war ein lauer Sommerabend im Juli, irgendwo im südlichen Teil Deutschlands. Die koreanische Delegation hatte eine spannende Woche hinter sich, man war viel unterwegs gewesen, hatte deutsche Unternehmen besucht, interessante Meetings gehabt und außerdem Kirchtürme erklommen und andere Sehenswürdigkeiten bestaunt. Kurz gesagt: Es war eine volle Woche, die es in sich gehabt hatte, und die sollte nun in einem gemeinsamen Grillabend ihren Abschluss finden. Die deutschen Gastgeber hatten mit dem Wirt des rustikal-ländlichen Gasthofs dementsprechend alles geplant, der Garten war hübsch hergerichtet, die Lampions leuchteten, und die Flammen in den Feuerschalen verströmten beinahe ebenso viel Hitze wie die rote Glut in dem großen, gemauerten Grill. Und nachdem die übliche Empfangsrede seitens der deutschen Gastgeber und die ebenso unvermeidlichen Dankesbekundungen aufseiten der Gäste vorbei waren, konnten sich alle um das wirklich Wichtige kümmern: die Teller mit Grillgut und Salaten zu füllen und endlich mit dem Essen zu beginnen.

Ach ja, die Grillsoßen sind natürlich noch zu erwähnen, denn ohne diese geht es ja meist nicht. Dass einem der deutschen Gastgeber allerdings fast die Barbecue-Soße Marke »Mississippi Original« aus der Hand rutschte und um ein Haar ein rotbraunes Farbenspiel auf dem blütenweißen Kleid der Tischnachbarin hinterlassen hätte, lag allerdings ebenso wenig an einer besonders rutschigen Flasche wie an bratwurstfettigen Fingern. Folgte man nämlich dem mehr als erstaunten Blick des Mannes, so fiel dieser auf einen Tisch höchstvergnügter koreanischer Gäste, die gerade dabei waren, ihre Bratwürste dick mit goldgelbem Honig zu bestreichen. Und ehe sich der deutsche Teil der Gruppe noch mehrwundern konnte, bissen die Koreaner in die klebrigen Würste, wobei manch einer noch zusätzlich eines der Wabenstücke aufspießte, die sich ebenfalls in dem hochwertigen Naturprodukt befanden.
Was tun? Den Koreanern sagen, dass man eine deutsche Bratwurst so nicht isst, und dann noch erklären müssen, warum sich fälschlicherweise ein Honigglas unter die Soßen-Flaschen auf dem Tisch gemischt hatte? Oder sich einfach nichts anmerken lassen, weil Fleisch und Süßes ja eigentlich durchaus harmonieren können? Die Deutschen entschlossen sich mittels Blickkontakt zu Letzterem, und es wurde noch ein vergnüglicher Abend, auch als das Honigglas längst leer war.

Ob die Würste den Koreanern schmeckten oder ob sie daheim von den seltsamen Grill-Bräuchen der Deutschen berichteten, ist allerdings nicht bekannt.



Diese Geschichte wurde aufgeschrieben von Johannes Klemeyer, Redakteur von mondial und Geschäftsführer der Crossculture-Academy, einer interkulturellen Onlineplattform, www.crossculture-academy.com.